Das Preußenhaus in der Dorfmitte von
Zeidler war durch seine besondere Bauweise und sein hohes Alter vielen Leuten
der nahen und weiten Umgebung bekannt.
Es war als Umgebindehaus gänzlich aus
Holz gebaut und fiel vor allem durch seinen schönen, von zwei Saulen getragenen
Erkervorbau (Vorlaube), der ein Marienbild trug, auf. Als altestes und baulich bemerkenswertes Haus war es nicht nur eine
Zierde des Dorfes, sondern zugleich
ein Baudenkmal von kulturhistorischem
Wert. Es stand nahe der Kirche an der Abzweigung der Straße nach Wolfsberg und
trug die Hausnummer 4.


Um 1600 wurde dieses Haus, welches später den Namen .Preußenhaus" erhielt,
erbaut und war damals evangelisches Pfarrhaus. Bereits vor der Reforrnationszeit solI
an ebendieser Stelle eine Pfarrei gestanden
haben. Nach der Rekatholisierung um 1640
diente es als Schule, verrnutlich bis zum
1717 erfolgten Bau der alten Schule, welche
an Stelle der heutigen, 1876 erbauten
Schule stand. Die aus alter Zeit stammenden Spitznamen für das Haus Nr. 4, nämlich "bei Schul-Augustine" und "bei der
Schul-Marianne", weisen auf die Verwendung als Schule hin. Sicher bot es gleichzeitig dem Lehrer Unterkunft. In der Folgezeit diente das Preußenhaus nur noch
Wohnzwecken.
Wie und wann das Preußenhaus zu seinem
Namen kam, konnte nicht eindeutig geklart werden. Altere Leute von Zeidler gebrauchten noch den Spitznamen "ban
Preißn", der sicher nicht auf den Familiennamen eines Besitzers zurückzuführen ist,
sondern es han delt sich hier vielmehr um
die mundartliche Forrn von "Preußen". Es
solI auch darauf hingewiesen werden, dass
die Zeidler Leute im mundartlichen
Sprachgebrauch nicht Preußenhaus",
sondern .Preißnhaus" sagten. Vielleicht
war ein einstiger Besitzer des Hauses von
seiner Herkunft her ein Preuße, denn das
mundartliche "ban Preißn" heisst "beim
Preußen". Vielleicht aber stammt der
Hausname auch aus der Zeit der Kriege zwischen Osterreich und Preußen, da
mehrrnals preussische Soldaten in Zeidler
einquartiert waren, und vielleicht eben
auch in diesem Haus.


lm Adressverzeichnis von 1913 ist Anton
Heine als Besitzerdes Hauses Nr. 4 in Zeidler angegeben. Bereits 1918 - nach einer anderen Nachricht schon 1916 - wurde das
Preußenhaus unter Denkmalschutz gestellt. Ein Beweis dafür, dass Fachkreise
diesem Haus hohen geschichtlichen und
baulichen Wert beimassen. Mitte der
1920er Jahre erwarb der Fabrikant Johann
Klinger das Haus, der es 1940 an Heinrich
Nitsche, Zeidler Nr. 85, verkaufte. Die Bewohner wechselten seit den 1920er Jahren
mehrrnals. Letzter deutscher Bewohner
vor 1945 war Familie Karl Johne, denn Familie Nitsche zog nach dem Erwerb des
Hauses nicht gleich in dieses ein. Es sollten
erst Instandsetzungsarbeiten am Dach und
Erneuerungen in der großen Stube
vorgenommen werden, die sich aber durch den
Krieg verzögerten und nicht mehr zum
Abschluß kamen.
Nach der Ausweisung von Familie Karl
Johne 1946 wurde das Preußenhaus von
durchziehenden Zigeunern geplündert,
stand vermutlich in der Folgezeit leer und
war dem Verfall preisgegeben. Dass dieses
Haus ein Baudenkmal von kulturhistorischem Wert darstellte, war für die tschechischen Behörden uninteressant. Vermutlich schon 1950 oder später wurde das Preußenhaus abgerissen, wie so viele andere
Häuser des Ortes. Das viele Holz wurde
von den tschechischen Neusiedlern als
Bau- und Brennmaterial verwendet. Die
Stelle des Hauses wurde einige Jahre später vóllig eingeebnet, und es finden sich
seitdem keine sichtbaren Reste der Grundmauer oder des Kellers mehr.


Das Dach des Preußenhauses war früher
mit Holzschindeln gedeckt, was sein
altertümliches Aussehen noch hervorhob. Später erhielt es eine Eindeckung mit grauen
Schiefern. Die Stützsäulen der Vorlaube
waren in schoner Forrn behauen. Sehenswert waren die mit Schnitzerei verzierte
Haustür und der Tüirstock, aber auch die
Pfeiler, Streben und Kopfbänder wiesen
Schmuckelemente auf. Die Spalten zwischen den dicken Balken des Umgebindes
waren mit Lehm, verrnischt mit gehäckseltem Stroh, ausgefüllt. Hinten hatte das
Haus einen sogenannten "Gang", und auf
der rechten Seite, also an das Stübl
anschliessend, war eine kleine Scheune mit
Eingangstür von vorn. Wahrscheinlich
wurden darin auch Ziegen gehalten. Die
häusliche Ziegenhaltung war in früheren
Jahren in Zeidler recht häufíg.
Erwähnenswert ist auch eine in die Verkleidung des linken Giebels eingelassene Tür,
die auf Abbildungen sichtbar ist. Sicher
konnte durch diese Heu oder Stroh gleich
vom Fuder aus hochgegabelt und in der
Kammer oder auf dem Oberboden eingelagert werden. Sie wurde später offensichtlich nicht mehr gebraucht, denn sie war
von innen verbaut.
Die altertümliche, von Handwerkskunst
zeugende Bauweise des Preußenhauses
zeigte sich nicht nur äusserlich, sondern
auch im Inneren. Die Söhne des letzten Besitzers wissen zu berichten, dass eine
breite und sehr stabil gebaute Stiege aus Eichenholz vom Hausflur nach oben führte.
Die mit der Axt behauenen Deckenbalken
waren von mächtiger Stärke und die Dielen
besonders breit und etwa sechs Zentimeter
dick. Das Holz war innen überall roh belassen, nur die Stubendecken waren mit Ochsenblut gestrichen, dem unübertroffenen
Holzschutzmittel von einst. Mit Ochsenblut gestrichene Stubendecken waren übrigens auch noch in einigen anderen Ungebindehausern von Zeidler anzutreffen.
Als Kuriosum in der mindestens 350jiihrigen Geschichte des Preußenhauses sei
noch angeführt, dass bei der Erneuerung
der Straßendecke im Jahre 1922 eine Dampfwalze vom Kurs abkam und es auf
der Stüblseite rammte. Dieser Vorfall, der
auch in einer Fotografie festgehalten ist, löste vor allem deswegen Heiterkeit aus, da
das uralte Haus standgehalten hatte, aber
an der Dampfwalze ein Schaden entstanden war.
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Preußenhaus im frühen 20. Jahrhundert |
Feb 1964 - Kreuzweg ohne Preußenhaus |
Für Interessenten der Volksarchitekturunserer Heimat soll noch erwähnt werden,
dass man Häuser in der Bauweise des Preußenhauses als "Vorlaubenhaus" oder kurz
als "Laubenhaus" bezeichnet. Dieser
Haustyp war in der Oberlausitz und im
nördlichsten Böhmen im 17. bis 18. Jahrhundert recht häufig, wie man an den Baujahren noch erhaltener Häuser feststelIen
konnte. Aber auch schon im 16. Jahrhundert müssen in unserer Gegend Laubenhäuser entstanden sein. Bis 1945 befanden
sich in verschiedenen Orten des Niederlandes noch zahlreiche Laubenhäuser, von
denen kaum eins vom Verfali verschont
blieb.
Durch die Vorlaube hatte man einen regenfreien Platz vor der Haustür. In ihr war
das sogenannte "Oberstlübl", welches ein
gemütliches Plätzchen vor alIem für alte
Hausbewohner bot. Unter der Laube wurden u. a. Kräuter zum Trocknen aufgehängt und ausserdem diente der von
Regen geschützte Platz zur Verrichtung
verschiedener Arbeiten.
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Preußenhaus mit der Dampfwalze 1922 |
das Modell des Preußenhauses |
Dass eine Nachbildung bzw. ein ModelI des
Preußenhauses von Zeidler in das "Museum für Sächsische Volkskunst" in Dresden kam, ist Heimatfreund Siegfried Weber in Bad Gottleuba zu verdanken. 1922
wurde er als Sohn des bekannten Krippenschnitzers Rudolf Weber im Ortsteil
Klause bei Rumburg geboren. Er erbte
die handwerklichen und künstlerischen
Fähigkeiten seiner Vorfahren und befasst
sich mit Schnitzerei und Malerei. Besonders beachtenswert sind neben vielen volkskünstlerischen Arbeiten seine massstabgerecht und naturgetreu nachgebauten ModelIe von alten Umgebindehäusern
und anderen historisch wertvolIen Bauten
der Heimat. Im Jahre
1991 fertigte Siegfried Weber auch eine Nachbildung des Preußenhauses von Zeidler an.
Als Nachbildungsmasstab wurde ungefähr 1:25 gewählt, wonach sich eine Größe des Modells von 42 x 22 cm in der Grundfläche
und eine Höhe von 27 cm ergibt.
Das Volkskunstmuseum in Dresden
wurde im Rahmen einer AusstelIung auf
das volkskünstlerische Schaffen Siegfried
Webers aufmerksam und zeigte Interesse
an seinen Arbeiten. So überliess er dem
Museum neben einer Anzahl von Krippenfiguren aus seiner Band sowie denen
seines Vaters und Großvaters, auch das ModelI
des Preußenhauses von Zeidler und eines
ebenfalIs historisch bedeutsamen, 1994
abgebrannten Hauses von Rumburg.
Besonders die Heimatfreunde von Zeidler
solIten sich freuen, dass ihr altehrwürdiges
Preußenhaus wenigstens in einer guten
Nachbildung verewigt ist und seit 1996
jährlich von tausenden Besuchern gesehen
und beachtet wird.
Allen Heimatfreunden sei ein Besuch des Museums für Sächsische Volkskunst in
Dresden, Köpckestraße 1, empfohlen.
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Fachgutachten fürs Haus - 1951 |
Betreff: Abbruch |
Nach dem Artikel "Das Preußenhaus von Zeidler als Nachbildung im Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden " von Alfred Koch - Unser Niederland, 3/1998.
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